Projekt

Der Violinunterricht mit einer demenziell veränderten Seniorin und die dazu erstellte Dokumentation samt Lehrmaterial sind Teil des EU-Projektes „ReKuTe – Partizipative Wissenschaft für Region, Kultur und Technik“, das in den Jahren 2019 bis 2020 unter der Leitung von Prof. Dr. Theo Hartogh an mehreren norddeutschen Hochschulen Möglichkeiten des Wissenstransfers in die Gesellschaft erarbeitete. Ziel ist es, unterschiedliche Menschen an Wissenschaft, Bildung und Kultur teilhaben zu lassen.

Während andere deutschsprachige Veröffentlichungen zum Thema “Instrumentalunterricht mit Demenzerkrankten” vergleichende Studien in Buchform vorstellen*, wählen wir bei diesem Projekt die Form einer Video-basierten Dokumentation im Internet, die dadurch Menschen mit den unterschiedlichsten Bildungshintergründen zugänglich wird. Außerdem ließen wir im Gegensatz zu bisherigen Forschungsprojekten die Filmaufnahmen von den Unterrichtsstunden bewusst von einer externen Person (Dr. Kerstin Jaunich) auswerten und kommentieren.

*Bislang beschreiben zwei weitere Autorinnen den Instrumentalunterricht mit Demenzerkrankten: Eva-Maria Kehrer (Klavier) und Sibylle Hoedt-Schmidt (Veeh-Harfe)

Für wen sind diese Internetseiten?

Wir veröffentlichen diese Internetseiten für alle Menschen, die sich über die positiven Wirkungen und Chancen von Musik bei demenzerkrankten Menschen informieren möchten. Anders als in einer wissenschaftlichen Studie oder einem Lehrbuch zur Methodik des Instrumentalunterrichts sollen unsere Filmbeispiele und Erläuterungen einen konkreten Einblick in den Unterricht ermöglichen und typische Situationen anschaulich darstellen, die auch im Instrumentalunterricht mit anderen demenzerkrankten Schülerinnen und Schülern und auch bei anderen Instrumenten wahrscheinlich sind.

Besonders richten sich unsere Internetseiten an Instrumentallehrkräfte sowie an Angehörige und Betreuungskräfte:

Instrumentallehrkräfte

Instrumentallehrkräfte erhalten mit diesen Internet-Seiten Lehrmaterial für eine autodidaktische Weiterbildung im immer wichtiger werdenden Bereich Musikunterricht mit Demenzerkrankten.

Lehrerinnen und Lehrer der jüngeren Generation und/oder aus anderen Kulturen finden hier deutsche Kinder- und Volkslieder mit ausführlichen Notenbeispielen, die in der Arbeit mit alten Menschen gesungen und gespielt werden können.

Der andere Weg

Instrumentallehrer und -lehrerinnen, die sich für die besonderen Wirkungen des Musizierens bei Demenzerkrankten interessieren und Betroffene unterrichten wollen, wählen vielleicht ein bewährtes Lehrbuch für ihr Instrument und kommen nach der ersten Begegnung mit dem oder der Demenzerkrankten zu dem Ergebnis: „Das geht nicht!“

Die Lehrbücher für den Anfängerunterricht auf der Geige z. B. beginnen in der Regel mit der korrekten Körper- und Bogenhaltung, erklären eine sinnvolle Bogeneinteilung und lehren erste Lieder mit wenigen Noten, zu denen die Lehrperson eine zweite Stimme spielt, um ein musikalisch interessantes Klangergebnis zu erhalten. Demenziell veränderte Menschen werden aber Noten wahrscheinlich nicht verstehen und die gedruckten Zeichen nicht in eine Handlung auf dem Instrument umsetzen können. Wenn sie früher schon einmal Geige gespielt haben, werden sie automatisch die Haltung und Bogenführung zeigen, die in ihrem Körpergedächtnis verankert ist. Jede Korrektur samt Erklärung würde somit womöglich verunsichern. Und ein zweistimmiges Spiel ist zunächst vielleicht nicht möglich, weil Demenzerkrankte sich sehr oft an ihre Bezugsperson anpassen und versuchen würden, in das Spiel der Lehrperson einzusteigen.

Wir brauchen also einen anderen Weg, wenn wir die positiven Wirkungen des Musizierens im Instrumentalunterricht mit Demenzerkrankten nutzen wollen.

Die Violinpädagogin Anke Feierabend hat in langjähriger Arbeit mit demenziell veränderten Menschen eine Unterrichtsmethode entwickelt, die die individuellen Fähigkeiten jedes Menschen nutzt und darauf aufbaut. Die Anke Feierabend-Methode® (AFM) funktioniert ganz ohne Noten und fördert im gemeinsamen Spiel Erinnerungen und Kreativität.

Ziel des Instrumentalunterrichts mit Demenzerkrankten ist vor allem, den Schülerinnen und Schülern durch die Freude am gemeinsamen Musizieren Momente von Glück und Zufriedenheit zu ermöglichen. Gleichzeitig wird ihr schlummerndes musikalisches Potenzial geweckt, ästhetisches Erleben im Spiel baut sie auf und es kommt zu überraschenden Lerneffekten. Erfolg und Stolz stärken ihr Selbstwertgefühl, und die so gewonnene Lebensfreude kann in den Alltag ausstrahlen.

Schülerinnen und Schüler finden

Bislang wenden sich wenige Menschen an Musikschulen oder private Musiklehrkräfte mit dem Wunsch, Instrumentalunterricht für ihren demenzerkrankten Vater oder ihre Mutter zu buchen. Das wird sich in Zukunft hoffentlich ändern.

Wenn Sie als Instrumentallehrer oder -lehrerin Menschen im fortgeschrittenen Alter unterrichten möchten, die eventuell an Demenz erkrankt sind, dann bieten sich schon jetzt verschiedene Möglichkeiten an, Ihr Angebot publik zu machen, zum Beispiel:

– örtliche Musikschule informieren

– Anzeigen in der Tagespresse schalten

– redaktionelle Berichte in der lokalen Presse über Ihr Bildungsangebot veröffentlichen

– Informationsveranstaltungen in Seniorenheimen oder Angehörigen-Netzwerken anbieten und durchführen

– Informationsfaltblätter in Einrichtungen der Altenhilfe, Arztpraxen etc. auslegen

Bei dem hier dokumentierten Unterricht von Anke Feierabend mit Sigrid Schmidt stand ein Aufruf in der Tageszeitung am Anfang, verbunden mit Berichten in der lokalen Presse und in der Fachpresse über die Unterrichtsmethodik von Anke Feierabend und deren Chancen für die Lebensqualität von demenzerkrankten Menschen:

Auf den Aufruf meldete sich die Tochter von Sigrid Schmidt, die sich für das Projekt interessierte und sich vorstellen konnte, dass ihre Mutter, die in früheren Jahren leidenschaftlich Violine gespielt hatte, in ihrer jetzigen Situation der fortschreitenden Demenz von den Chancen des Unterrichts für ihre Lebensqualität profitieren könnte.

Obwohl im ursprünglichen Ansatz des Projektes vorgesehen war, dass mehrere Schülerinnen oder Schüler von Anke Feierabend unterrichtet werden sollten, beschloss das Projektteam, mit Sigrid Schmidt als einziger Schülerin zu starten. Als nach wenigen Wochen des Unterrichts klar wurde, dass es für die Darstellung der Methodik und deren Auswirkungen auf die Lebensqualität sinnvoller ist, sich auf dieses eine Fallbeispiel zu konzentrieren als es mit anderen zu vergleichen, wurde auf die Akquise weiterer Schülerinnen oder Schüler verzichtet.

Angehörige und Betreuungskräfte

Angehörige von demenziell veränderten Menschen bekommen einen anschaulichen Eindruck von den positiven Wirkungen sowie von Inhalt und Ablauf eines Instrumentalunterrichts und sollen ermutigt werden, ein solches Angebot auszuprobieren.

Die Beschreibungen der Filmbeispiele enthalten mitunter sehr viel musikbezogene Auswertungen, die zwar für Musikerinnen und Musiker interessant und wichtig sind, für musikalische Laien aber vielleicht nicht! Daher sind die Filmbeispiele selbstverständlich auch ohne weitere Erläuterungen erfahrbar und vermitteln für sich einen lebendigen Eindruck von Inhalt und Wirkungen des Instrumentalunterrichts mit demenzerkrankten Menschen.

Für Angehörige und Betreuungskräfte besonders interessant ist wahrscheinlich die Biografie und der Krankheitsverlauf der demenzerkrankten Schülerin Sigrid Schmidt sowie das Interview mit ihrer Tochter, die aus ihrer Sicht die Wirkungen des Unterrichts beschreibt.

InstrumentallehrerIn finden

Wenn Sie als Angehörige/r oder Betreuungskraft von demenziell veränderten Menschen Instrumentalunterricht für eine Ihnen anvertraute Person wünschen, dann empfehlen wir zunächst den Kontakt mit der örtlichen Musikschule oder mit privaten Instrumentallehrkräften. Instrumentalunterricht für demenziell veränderte Menschen wird bislang zwar nicht explizit an den öffentlichen Bildungsinstitutionen angeboten. Viele Musikschulen sind aber offen für Schülerinnen und Schüler jeden Alters, so dass Unterricht mit älteren und körperlich und/oder geistig eingeschränkten Menschen grundsätzlich möglich sein sollte. Eine Übersicht über kommunale und private Musikschulen bietet das Deutsche Musikinformationszentrum MIZ. Vielleicht gibt es in Ihrer Nähe bereits Lehrkräfte, die sich entsprechend weitergebildet haben – zum Beispiel mithilfe dieser Internetseiten. Falls das noch nicht geschehen ist, dann ist Ihre Anfrage zumindest ein Beitrag dazu, dass sich bei Lehrkräften und Musikschulleitungen das Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie ihr Bildungsangebot für alle Menschen – und eben auch für körperlich und/oder geistig einschränkte SchülerInnen öffnen sollten. Denn jeder Mensch hat das Recht auf Teilhabe an Bildung und Kultur.

Bei der Suche nach einer geeigneten Lehrkraft für Ihre konkrete Situation könnte die Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik mit ihrem deutschlandweiten Netzwerk von Musikgeragoginnen und Musikgeragogen hilfreich sein.

Darüber hinaus dürfen Sie sich gerne an die Akteure dieses Projektes wenden, vor allem an Anke Feierabend oder an Kerstin Jaunich.

Finanzierung

Während bei dem hier vorgestellten Unterricht das Honorar für die Instrumentallehrkraft Teil des Projektes „ReKuTe – Partizipative Wissenschaft für Region, Kultur und Technik“ war, bestehen für zukünftige Unterrichtssituationen folgende Finanzierungsmöglichkeiten:

a) als Teil des Angebots an Musikschulen für dort angestellte Instrumentallehrkräfte

b) als privater Instrumentalunterricht, bei dem die selbständige Lehrkraft in vollem Umfang direkt von den Schülerinnen und Schülern bzw. deren Angehörigen honoriert wird

c) über Förderprogramme zur kulturellen Teilhabe von Menschen mit Demenz (z. B. Bayerischer Demenzfonds)

Auch zu Fragen der Finanzierung dürfen Sie gerne Kontakt zu Anke Feierabend oder Kerstin Jaunich aufnehmen.